Reportage – Ostschweiz am Sonntag

Flug LX40 – blockiert im kanadischen Eis

Kurz nach dem Überfliegen von Grönland fällt beim Flug LX40 der Swiss nach Los Angeles ein Triebwerk aus. Die Piloten fliegen den kleinen Flughafen Iqaluit in Kanada an. Dort warten die Passagiere im Flugzeug, bis sie ein anderes Flugzeug nach New York bringt. Sie berichten von den ungewissen Stunden an Bord.

Zum Skifahren in die USA fliegen, das war der Plan von Ralf Schumann und fünf seiner Freunde. Die Anreise für den aus dem Münchner Vorort Garching stammenden Schumann sollte ihn von Zürich über Los Angeles nach Salt Lake City führen. Sollte. Die Reisegruppe bestieg am 1. Februar in Zürich den Flug LX40. Kurz vor 14 Uhr hob dieser ab. Nach etwa sechs Stunden Flugzeit, die Maschine hatte bereits Grönland überflogen, meldete sich der Pilot. «Wir wurden von der Durchsage geweckt, dass ein Triebwerk ausgefallen sei und wir deshalb am nächsten Flughafen landen würden», erinnert sich Schumann.

Gemäss Stefan Vasic, Mediensprecher der Swiss, erfolgte die automatische Abschaltung wegen einer technischen Unregelmässigkeit. Das sei so vorgesehen. Die genaue Ursache wird derzeit noch untersucht. Es soll sich aber um einen Defekt am Getriebegehäuse handeln. «Die Systeme unserer Flugzeuge basieren auf Redundanz. Auch mit einem Triebwerk kann die Maschine weiterfliegen», sagt Vasic weiter. «Allerdings planen wir unsere Routen mit der Boeing 777-300ER so, dass wir im Bedarfsfall innerhalb von drei Stunden landen können. Wir steuern dann den ersten adäquaten Flughafen an, das ist gemäss Prozedere so vorgesehen.» Im Fall von LX40 war das Iqaluit. Ein kleiner Flughafen im weiten kanadischen Eis.

Problemlose Landung in unwirtlicher Gegend

An Bord der Maschine befanden sich 216 Passagiere und 17 Crewmitglieder. Die Stimmung sei immer ruhig geblieben, berichtet Schumann. Viel zu sehen bekamen sie beim Landeanflug allerdings nicht. «Die Winterlandschaft war schon ziemlich unwirtlich. Alles war weiss, auch Seen und Flüsse. Erst ganz am Schluss kamen erste Anzeichen von Zivilisation ins Blickfeld», beschreibt Schumann die letzten Minuten vor der Landung. Um 21 Uhr Schweizer Zeit, 15 Uhr vor Ort, landete die Maschine sicher in Iqaluit. «Die Landung verlief problemlos», sagt Vasic. Zum Glück ist Iqaluit nicht nur designierter Ausweichflughafen auf der Atlantikroute, sondern auch ein regelmässig genutzter Testflughafen. Viele Flugzeuge werden hier einem Kaltwettertest ausgesetzt. So war vor Ort technisches Gerät vorhanden, mit dem das Flugzeug der Swiss zumindest von der Landebahn auf das Vorfeld zurückgeschoben werden konnte.

Die Passagiere im Flugzeug wussten zu dieser Zeit noch nicht, wie es weitergehen würde. «Unsere erste Aufmerksamkeit galt natürlich unseren Fluggästen», sagt Vasic. Vor Ort waren die Unterbringungsmöglichkeiten nicht in gewünschter Anzahl vorhanden. «Es blieb also die Wahl zwischen einer kleinen Abflughalle oder dem Verbleiben an Bord der beheizten Maschine.» Letzteres sei die bessere Option gewesen. «An Bord hatten wir genügend Verpflegung, bequeme Sitze und auch ein Bordunterhaltungssystem, das den Passagieren zur Verfügung stand.»

Nicht zum ersten Mal Iqaluit

Diese Option hatten vor rund zehn Jahren die Passagiere einer Virgin-Atlantic-Maschine nicht. Weil nach dem Aufsetzen die Maschine beschädigt wurde und Treibstoff verlor, mussten die Passagiere das Flugzeug verlassen. Bis Ersatzflieger vor Ort waren, harrten die Betroffenen damals in einer Curling-Halle aus. Viel kanadischer geht es nicht. Das war aber nicht die einzige unvorhergesehene Landung in Iqaluit neben jener der Swiss vor rund einer Woche. Erst im November vergangenen Jahres legte eine Maschine der russischen Aeroflot eine Zwischenlandung ein, weil sich an Bord ein sogenannter «Unruly Passenger» befand. Ein Passagier also, der sich nicht an die Anweisungen halten wollte. Just in der vergangenen Woche musste der Angeklagte vor einem Gericht erscheinen.

In der 777 der Swiss habe die Crew derweil zum Zeitvertreib erst einmal das Abendessen serviert. «Stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht», betont Schumann, der viel Lob für das Personal der Swiss übrig hat. Weil alle an Bord blieben, fiel auch das Programm ins Wasser, das man sich vor Ort schon ausgedacht hatte. Madeleine Redfern, die Bürgermeisterin des Ortes bestätigte, dass die Passagiere in Schichten hätten aussteigen und die Stadt besichtigen können. «Als der Ersatzflug aber für dieselbe Nacht angekündigt wurde, haben sich die Pläne und Aktivitäten geändert», sagt Redfern.

Den Ersatzflug, den die Bürgermeisterin anspricht, hatte die Swiss in New York ausgemacht. Es handelte sich dabei aber um ein Flugzeug, das eigentlich für Flug LX15 von New York nach Zürich vorgesehen war. Nun sollte es die gestrandeten Passagiere in Iqaluit abholen. Für diese eine erfreuliche Nachricht. Für jene Passagiere, die in New York auf ihren Flug nach Zürich warteten, weniger. «Wir haben verschiedene Optionen geprüft, das schien uns aber die beste zu sein», sagt Vasic. «So konnten wir die Fluggäste schneller weiterbefördern, als wenn wir ein Flugzeug aus Zürich hätten einfliegen müssen.»

Das Flugzeug erreichte Iqaluit einige Stunden später. Zuerst wurde das Gepäck umgeladen, dann waren die Passagiere an der Reihe. Das Umsteigen gestaltete sich jedoch nicht so einfach. Es gibt in Iqaluit nur eine passende Flugzeugtreppe für grosses Fluggerät wie die Boeing 777. Also musste man alle Passagiere erst aussteigen lassen, die Treppe verschieben und dann alle wieder einsteigen lassen. Weil die Passagiere aber kaum auf die bitterkalten Temperaturen vorbereitet waren, wurden Schulbusse aufgeboten, in denen sie warten konnten.

Der Ersatzflug verlief dann ohne Probleme. Um etwa 8.30 Uhr Ortszeit landete die Maschine in New York. Oder in Schweizer Zeit: Statt um 1.20 Uhr in Los Angeles waren die Passagiere um 14.30 Uhr in New York. Nach über 24 Stunden in zwei Flugzeugen. Direkt nach Los Angeles konnte die Swiss nicht fliegen, weil damit die maximalen Einsatzzeiten der Crew überschritten worden wären. «Entscheidend war aber auch, dass der Flughafen JFK einer der meistfrequentierten Flugplätze der Welt ist. Dort bestanden diverse Umbuchungsmöglichkeiten. Wir hatten Gäste an Bord, für die Los Angeles nicht die endgültige Destination war. Diese konnten wir ab New York direkt zu ihrem eigentlichen Ziel bringen.» Die meisten hätten sich denn auch dafür entschieden, trotz der bereits ausgesprochen langen Reise direkt weiterzufliegen. Obwohl die Swiss eine kostenlose Übernachtung in New York angeboten hätte. «Viele Passagiere wurden schon im Verlauf dieses Fluges informiert, wie sie an ihr eigentliches Ziel gelangen konnten, der Rest direkt nach der Ankunft in New York», sagt auch Schumann. Er und der Rest der Reisegruppe wurden auf einen Delta-Flug gebucht. Wie so oft kommt ein Unglück aber selten allein: «Unser Gepäck hat die Reise von New York nicht gleichzeitig angetreten. Am nächsten Morgen um 8 Uhr wurde aber auch das noch nachgeliefert.»

Seit Freitag wieder im Linienbetrieb

Nach den Passagieren und deren Gepäck hat die Odyssee mittlerweile auch für die betroffene Boeing 777 ein Ende genommen. Nach dem Austausch des Triebwerks (siehe Kasten) und den nötigen Tests brachte eine zusätzlich nach Iqa­luit eingeflogene Crew die Maschine am Donnerstag nach Zürich zurück. Dort wurde sie für den Linienbetrieb vorbereitet, den sie bereits am Freitag wieder aufnahm. Nach dem Abstecher in die kanadische Kälte ging es für das Flugzeug zur Erholung ins rund 20 Grad warme Miami.


Dieser Artikel erschien am 12. Februar in der Ostschweiz am Sonntag.