Buchrezension – Kabinenpredigt

The Football Man

Angepriesen wird «The Football Man» als Möglichkeit, in die gute alte Zeit des Fussballs zurückzureisen. Es ist aber mindestens so sehr ein Zeitzeuge der Anfänge dessen, wovor man heute vielleicht fliehen möchte.

«Das schlechteste Buch über das Thema, dass es je gegeben hat.» Haben Sie schon mal eine solches Zitat auf einem Buchumschlag gesehen? Kaum. Die Verlage wollen damit ja schliesslich potenzielle Käuferinnen und Käufer zum tatsächlichen Erwerb ermuntern. Folglich wählen sie Testimonials aus, die betonen, wie gut ein Buch ist.

Das ist bei «The Football Man» von Arthur Hopcraft nicht anders. Dennoch sind die Zitate in ihrer Gesamtheit doch beeindruckend. Der Observer kürt das Buch gleich zum besten über Fussball, der Guardian bezeichnet es als Meisterwerk unter Sportbüchern und auch Graham Taylor, der ehemalige Trainer der englischen Nationalmannschaft, zählt es zu seinen Lieblingen.

Ein bisschen mehr Zurückhaltung

Der Verlag selber scheut sich auch nicht, das Werk zu loben: «repeatedly quoted as the best book ever written about the sport … this is the classic football bible» («wiederholt als bestes Buch bezeichnet, das je über Sport geschrieben wurde, … das ist die klassische Fussballbibel»). Die Latte liegt also hoch. Die Gefahr, dass das Buch darunter durchsegelt ist gross. Aber – so viel vorne weg – das tut es nicht.

Ein bisschen mehr Zurückhaltung hätte dennoch gutgetan. Denn, obwohl das 1968 erstmals erschienene Buch in weiten Teilen auch heute noch äusserst präzise in der Beschreibung des Fussballs ist, so konnte auch Hopcraft den Sport nicht in seiner Gänze abbilden. Das muss schon auffallen, wenn man die unterschiedliche Gewichtung der Kapitel anschaut. Diese sind zwar an sich tatsächlich ein ziemlicher Rund-um-Blick, sie gewichten aber einzelne Aspekte zu wenig. Während er die Spieler und Trainer sehr ausführlich behandelt, wird das Buch gegen hinten immer dünner, wenn es um Fans, Schiedsrichter, Medien, etc. geht. Zudem mangelt es dem Buch an einer vernünftigen Synthese, die aus den einzelnen Kapiteln ein Ganzes machen würde.

Zurück in die «gute, alte Zeit»

Das soll nun nicht derart interpretiert werden, dass sich das Buch nicht lohnen würde. Denn, wo das Buch ausgesprochen stark ist, hat auch der Verlag im Klappentext erkannt: «For many who are disenchanted with the modern game – the grip of business and corporations, the dominance of advertising and teenage millionaires – The Football Man takes the reader back to the heart and soul of the national game when pitches were muddy and the players were your next-door neighbours» («Für viele, die vom modernen Spiel enttäuscht sind – der Einfluss der Wirtschaft und von Firmen, die Herrschaft von Werbung und Teenager-Millionären – The Football Man nimmt den Leser mit zurück zum Herz und der Seele des Nationalsports, als die Felder noch matschig und die Spieler Nachbarn waren»).

In der Tat führt das Buch den Leser oder die Leserin zurück in eine andere Zeit. Das wird am offensichtlichsten, wenn von Wochenlöhnen von 20 Pfund die Rede ist. Wenn der Autor Spielern Raum gibt, um sich über Fussballer zu beschweren, die nichts mehr einstecken können. Oder auch, wenn er von den Verbindungen von Clubs, Spielern und Lokalität schreibt.

Anfänge der Moderne

Das Buch muss aber ebenso als Zeitzeuge des Anfangs der Moderne gelesen werden. Auch Hopcraft sieht beispielsweise schon Spieler, die sich nicht mehr mit der Gemeinschaft identifizieren, für die sie eigentlich auflaufen. Auch Hopcraft sieht schon eine neue Art Fussballer auftauchen, die den Profifussball nicht mehr nur als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit sieht, sondern eben auch nach Berühmtheit strebt. Und auch die Eigentümer waren damals schon nicht mehr nur fussballbegeisterte Self-Made-Millionäre aus dem Quartier.

Manchmal vergisst man als Leser beinahe, dass man in einem fast 50 Jahre alten Buch liest. Hopcraft kritisiert zum Beispiel die Medien mit «The trouble with black ink references to ‚Another night of soccer shame‘ is that they are deliberately intended to shock rather than inform» («Das Problem mit der gedruckten Referenz zu ‘einer weiteren Nacht der Fussballschande’ ist, dass sie eher zu schockieren beabsichtigen denn zu informieren»). Selten wirkt das Buch so alt, wie es ist. Vielleicht noch am ehesten, als er Stan Cullis unwidersprochen sagen lässt: «Unfortunately you’ve got certain players who are like a lot of women – all advice upsets them» («Unglücklicherweise gibt es einzelne Spieler, die wie viele Frauen sind – jeder Rat macht sie wütend»).

Blick in die Zukunft

Hopcraft ist aber nicht nur Beschreiber dessen, was war und was ist, sondern auch dessen, was noch kommen sollte. So prophezeit der 2004 Verstorbene bereits, dass sich grosse Vereine länderübergreifend zu einer «Super League» zusammenschliessen könnten. Diesem Vorhaben gibt er nicht viel Kredit, dafür aber jenem einer «Premier League» als neue höchste Liga in England. Mit beidem sollte er – zumindest vorläufg – Recht behalten. Nicht ganz alles hat er jedoch vorausgeahnt. Ersten Bemühungen, aus dem Fussball mehr das zu machen, was wir heute wohl als Event bezeichnen würden, rechnet er wenig Potenzial zu. Bei Fussball gehe es nur um Fussball.

Alle seine Betrachtungen verpackt Hopcraft immer wieder in sehr schöne Sätze, in denen man sich oft selbst wiederentdeckt. Am exemplarischsten geschieht das ganz am Anfang des Buches und ganz zum Schluss der 244 Seiten. Auf der ersten Seite stellt er gleich einmal klar, dass «After all, it’s only a game» («Am Ende ist es nur ein Spiel») kompletter Blödsinn sei. Und im allerletzten Abschnitt drückt er aus, was viele Fussballspieler und -fans fühlen dürften: «Even now, whenever I arrive at any football ground, or mereley pass close to one when it is silent, I experience a unique alerting of the senses» («Noch heute, wenn immer ich an einem Fussballstadion ankomme, oder auch nur vorbeikomme, wenn es ruhig ist, fühle ich eine einzigartige Alarmierung der Sinne»).