Entschleunigt in die Ferien

Übermorgen tritt der neue Fahrplan in Kraft. Der Gotthard-Basistunnel wird aufgenommen, die Fahrtzeit in den Süden verringert sich massiv. Wer von Wattwil nach Bellinzona reist, benötigt nur noch rund zweieinviertel Stunden. Bisher dauerte die Reise fast drei Stunden. Schneller ins Tessin zu kommen heisst für viele, schneller in die Ferien zu kommen. Auch für mich trifft das grundsätzlich zu.

Die Gotthard-Strecke fahre ich kaum einmal ohne Ferien oder ein verlängertes Wochenende als Grund der Reise. Trotzdem sehe ich der Neuerung mit gemischten Gefühlen entgegen. Für mich beginnen die Ferien jeweils nicht am Zielort, sondern beim Einsteigen in den Zug. Eine Reise per Bahn ist eine der erholsamsten Tätigkeiten, denen man nachgehen kann. Man hat Zeit, Lektüre nachzulesen. Oder man lässt ganz die Landschaft am Fenster vorbeiziehen und die Gedanken schweifen. Letzteres funktionierte über die alte Gotthard-Route ausgezeichnet. Entschleunigung zum Ferienstart, quasi.

Ab übermorgen muss ich mich entscheiden. Will ich einen Drittel der Strecke zwischen Arth-Goldau und Bellinzona an eine Tunnelwand starren? Oder will ich über die alte Gotthard-Route fahren, dafür aber in Erstfeld umsteigen müssen? Ich werde mich wohl häufig für die letztere Variante entscheiden, auch wenn – oder gerade weil – diese gegenüber dem heutigen Fahrplan rund eine halbe Stunde länger dauert.

Und wenn ich dann immer noch zu schnell im Tessin ankomme, steige ich vielleicht doch noch aufs Auto um. Im Stau vor dem Gotthard zieht zwar keine Landschaft vorbei, dafür wäre die Entschleunigung für eine beträchtliche Zeitspanne maximal.


Dieser Text erschien im Toggenburger Tagblatt vom 9. Dezember 2016

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Anstellung verhindert

Bewilligungen für die Anstellung von Flüchtlingen sollen Dumpinglöhne verhindern. Wie ein Beispiel aus Ebnat-Kappel zeigt, wird so jedoch manchmal auch verhindert, was eigentlich alle wollen.

Der Ansatz ist lobenswert: Bei der Anstellung von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen wird unter anderem geprüft, ob branchen- und ortsübliche Löhne gezahlt werden. Ist das in den Augen des prüfenden Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St.Gallen nicht der Fall, darf der entsprechende Arbeitsvertrag nicht abgeschlossen werden. Spielraum ist in der Regel keiner vorhanden. Das führt dazu, dass für Fälle im Graubereich keine adäquate Lösung gefunden werden kann. So kann in einzelnen Fällen eine Person zwischen Stuhl und Bank fallen, wie ein Beispiel aus dem Toggenburg zeigt.

Der Eritreer Issa* würde gerne arbeiten. Nach seiner Ankunft in der Schweiz hatte er zusammen mit Markus Müller von der Regionalen Potenzialabklärungs- und Arbeitsintegrationsstelle (Repas) Toggenburg einen Integrationsplan abgeschlossen. Darin enthalten waren verschiedene Schritte, die schliesslich möglichst zur Integration in den ersten Arbeitsmarkt führen sollten. Issa besuchte einen Deutschkurs. Wenig später konnte er auch dank der Hilfe von Müller eine Praktikumsstelle bei Kuster Recycling in Ebnat-Kappel antreten. Unbezahlt, alles andere wäre nicht erlaubt. «Issa hat sich bewährt», betont Hans-Peter Kuster von Kuster Recycling. Die Firma würde ihn gerne weiterhin beschäftigen. Es gilt aber, zwei Hindernisse zu überwinden. Zum einen sind die Fähigkeiten von Issa auch nach dem Praktikum noch nicht ausreichend. Zum anderen ist im Stellenplan der Firma momentan eigentlich gar kein Platz für eine weitere Arbeitskraft. Die Lösung für beide Probleme wäre die gleiche. In einem Jahr wird bei Kuster Recycling voraussichtlich eine Stelle frei. Bis dahin könnte sich Issa weitere Fähigkeiten aneignen. «Dafür hätten wir natürlich auch einen Lohn entrichtet», sagt Kuster. «Aber wir können in einer solchen Situation nicht den Lohn zahlen, den eine besser qualifizierte Person erhalten würde.» Er versucht, eine Bewilligung für einen einjährigen Arbeitsvertrag zu erhalten. Als Übergangslösung, bis die andere Stelle frei wird. Sollte sich Issa entsprechend entwickeln, könnte er die Stelle übernehmen. «Uns geht es nicht darum, eine billige Arbeitskraft zu finden. Wir wollen der Person helfen. Und auch die Staatskasse für die Zukunft entlasten.» Müller von der Repas unterstützt das Ansinnen.

Kein Segen vom Amt

Die Repas Toggenburg wird von der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten mit ihrer Aufgabe betraut. Sie ist also nicht im eigentlichen Sinne eine öffentliche Stelle, sie handelt aber im Auftrag der öffentlichen Hand. Die Hoffnung von Kuster Recycling ist denn auch, dass die Unterstützung der Repas Beleg genug ist, dass es nicht um das Erschleichen von Dumpinglöhnen geht. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit erteilt dem Ansinnen aber eine Abfuhr. Der Lohn für Issa sei zu tief. Er entspreche nicht den branchen- und ortsüblichen Löhnen, weshalb das Amt keine Bewilligung erteilen könne. Die Übergangslösung könnte nur akzeptiert werden, wenn auch der Vertrag für die Anstellung danach unterschrieben würde. Kuster und Müller sind enttäuscht. Sie zeigen aber beide auch Verständnis für das Amt. Müller sagt: «Es geht ja im Grundsatz um den Schutz von Flüchtlingen. Sie kennen sich hier nicht aus. Mit der Prüfung durch das Amt kann verhindert werden, dass sie mit Dumpinglöhnen ausgenützt werden.» Er kritisiert denn auch vielmehr das Gesetz an sich: «Es hinkt der Realität hinterher. Als dieses Gesetz geschrieben wurde, hat offenbar niemand an die konkreten Fälle von Migration gedacht.» Die Löhne müssten leistungsgerecht sein. In verschiedenen Branchen sähen etwa sogar die Gesamtarbeitsverträge vor, dass unter gewissen Umständen von Mindestlöhnen abgewichen werden könne. Bei anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen bestehe diese Möglichkeit aber nie. Das sei wenig zielführend.

Teillohnmodell in Planung

Das Problem ist bekannt. Der Kanton St. Gallen prüft derzeit die Einführung eines sogenannten Teillohnmodells. Dabei soll während maximal drei mal sechs Monaten ein tieferer als der branchenübliche Lohn bezahlt werden dürfen. Der Kanton Graubünden kennt ein solches Modell bereits. Dort finden sechs von zehn Flüchtlingen eine Arbeit, bedeutend mehr als im Schweizer Durchschnitt. Geplant ist, in den ersten sechs Monaten einen Lohn in der Höhe einer Praktikums entschädigung auszuzahlen. In den zweiten sechs Monaten soll ein Lohn ausbezahlt werden, der ungefähr dem eines Lernenden im zweiten Lehr jahr entspricht (minimal 700 Franken). In den dritten sechs Monaten sollen dann 70 Prozent des branchenüblichen Lohns gezahlt werden (minimal 2500 Franken).

Bis dieses Modell jedoch umgesetzt werden kann, müssen noch verschiedene Stellen zustimmen. Opposition scheint sich bisher nicht anzukündigen.

*Name geändert


Dieser Text erschien im Toggenburger Tagblatt vom 23. November 2016.

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Seine Bilder sind berühmter als er selbst

Fotokünstler Hannes Schmid hat den Marlboro-Cowboy geprägt, über 250 Bands begleitet und ein Hilfswerk in Kambodscha aufgebaut. Dabei ist er dem Tod gleich mehrfach von der Schippe gesprungen.

Hut, Jeanshemd, Lasso. Kaum eine Werbefigur ist bekannter als der Cowboy der Zigarettenmarke Marlboro. Weniger bekannt ist, dass die Figur vom Toggenburger Fotokünstler Hannes Schmid geprägt wurde. Dass es überhaupt so weit kam, ist alles andere als selbstverständlich. Das Leben von Schmid hätte mehrfach ein abruptes und verfrühtes Ende nehmen können. Der Fotokünstler hat in Slums gewohnt, auf Müllhalden übernachtet und unter Kannibalen gelebt. Irgendwie hat er sich aber aus jedem schwierigen Umfeld, aus jeder brenzligen Situation befreit. Und dabei Fotos geschossen, die berühmter sind als er selbst.

Hannes Schmid

Angefangen hat alles vor über 50 Jahren auf einer Säntisabfahrt. Hobby-Skifahrer Schmid lag im Schnee, sonnte sich und dachte: «Jetzt muss ich gehen.» Das Toggenburg war ihm zu eng geworden. Wohin es ihn ziehen sollte, war noch nicht klar. «Ich konnte mir kein Flug ticket leisten, also musste ich einen anderen Weg finden», sagt der Bürger von Neckertal. Die Lösung kam über ein Jobangebot in Südafrika. Der gelernte Elektriker und Beleuchtungstechniker sollte am Kap der Guten Hoffnung beim Aufbau einer Radar- und Funkstation helfen. Die Firma zahlte den Flug. Als eine Auswanderung will er seinen Weggang aber nicht verstanden wissen. «Ich wollte mir kein neues Leben in Südafrika aufbauen. Ich ging aus Neugier, nicht wegen des Fernwehs.» Von seinem ersten Lohn kaufte sich der damals 23-Jährige eine Kamera. Die geschossenen Bilder haben ihn jedoch gar nicht interessiert. Vier Jahre blieb er auf dem afrikanischen Kontinent und vier Jahre lang sah er kein einziges seiner Bilder. Die Filme gingen unentwickelt per Post in die Schweiz. Was ihn faszinierte, war der Weg zum Foto.

Doch irgendwann hatte er genug gesehen. Schmid hatte nach vier Jahren Afrika das Gefühl, alles erlebt zu haben. Nach einem kurzen Zwischenstop in der Schweiz reiste der nun 27-Jährige nach Singapur. Dort nahm er eine Stelle als Elektriker an, warf aber schon nach zwei Monaten hin. Ohne eine Anschlusslösung zu haben, geschweige denn ein Rückflugticket. Er hörte von einem Projekt in Borneo, das Orang-Utans wieder an die Wildnis gewöhnen wollte, und reiste hin. «Ich weiss heute noch nicht, ob die Orang-Utans mehr von mir gelernt haben oder ich von ihnen.»

Mit Kannibalen gelebt
In Borneo hörte Schmid zum ersten Mal von der Geschichte des Anthropologen Michael Rockefeller, der bei der Untersuchung eines Kannibalenstamms in Papua-Neuguinea verschwunden war und nie gefunden werden konnte. Also machte er sich auf die Suche. «Ich war aber kein Abenteurer. Ich habe mich auf diese Reise vorbereitet. Ich wurde ja von Orang-Utans trainiert.» Seine Stimme bleibt ernst dabei. Sowieso weiss man als Gesprächspartner von Schmid nie so recht, ob einem einfach sein Schalk entgeht, oder ob er tatsächlich so sachlich über seine Erfahrungen berichtet. Auch wenn er vom Leben mit den Kannibalen erzählt, bleibt er ruhig. Und das ist mit Sicherheit nicht einer langweiligen Geschichte geschuldet. «Ich musste ein Teil werden des Stamms.» Und dieser Stamm hatte nicht gerade viel übrig für den seltsamen Schweizer. «Ich wurde geschlagen, hatte mehrmals Pfeile in der Schulter stecken, musste mit den Schweinen leben oder mit den Frauen im Stall.» Nahe des Kochtopfs sei er aber nie gestanden. Der Kannibalismus des Stammes sei ritueller Art gewesen. Durch das Verspeisen von Teilen eines Gegners sollte man dessen Qualitäten erhalten. «Für den Stamm war ich bloss ein feiger Hund. Mich zu essen, wäre nicht sinnvoll gewesen.» Eindruck schinden konnte der Fremde nur mit seinen Schuhen. «Wenn ich die ausgezogen habe, dachten alle, ich hätte ein zweites Paar Füsse.»

Irgendwann sei er einfach gegangen, sagt Schmid. Er reiste auf die Malediven und übernahm die Tauchschule eines Freundes. Dort traf er einen Musikmanager. Später, zurück in der Schweiz des Jahres 1977, lud ihn ebendieser Manager an ein Konzert der Band Status Quo ein. Beim anschliessenden Essen mit den Musikern sei deren Abneigung gegenüber Fotografen schnell verschwunden, als er von seinen Erfahrungen mit dem Kannibalenstamm berichtet habe. Die Band wollte sich fotografieren lassen. Das Ergebnis gefiel, und Schmid stand am Anfang einer Karriere als Bandfotograf. Und das, obwohl ihm Rockmusik gar nicht gefiel: «Ich fand sie grauenhaft. Aber die Leute waren spannend. Das war ja irgendwie auch eine Art Stamm: Menschen mit langen Haaren, die sich in einem Rhythmus bewegen.»

Schmid fotografierte in rund acht Jahren über 250 Bands. Darunter praktisch sämtliche Grössen der Zeit. In seinem Atelier in Zürich-Schwamendingen stapeln sich Kartonschachteln, die mit ABBA, Queen, AC/DC oder Uriah Heep beschriftet sind. Einigen Musikern lehrte er im Toggenburg das Skifahren. «Alle wollten aber eigentlich immer zu meiner Mutter, um ihre Hacktätschli mit Kartoffelstock zu essen.» In jener Zeit wohnte der Toggenburger praktisch im Flugzeug. «Manchmal flog ich für zwei Stunden nach New York. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, aus dem Koffer zu leben.» Und zudem hatte er erneut das Gefühl, alles gesehen zu haben. «Es gab nichts Neues mehr, also habe ich 1984 damit aufgehört.»

Hannes Schmid

Wieder stand Schmid vor einer Veränderung, für die er eigentlich keinen Plan hatte. Dann kam ein Anruf. Die deutsche «Vogue» wollte Modebilder, die sich vom damals Üblichen unterscheiden sollten. Er sagte zu und war schnell erfolgreich. Er fotografierte für namhafte Modemagazine und schreckte nicht vor aussergewöhnlichen Ideen zurück. Wie damals, als er sich zusammen mit Models in die Eigernordwand abseilte. «Ich konnte zu der Zeit eigentlich machen, was ich wollte. Die Models wollten mit mir arbeiten, weil ich ihnen Abwechslung bieten konnte.»

Neuerfindung des Cowboys
Mit der Modefotografie hatte Schmid neues Terrain betreten. Zum ersten Mal waren seine Aufnahmen inszenierte Darstellungen. Die Werbeindustrie wurde auf ihn aufmerksam. Allen voran die Tabakindustrie. Nach einigen kleineren Firmen wurde der Nichtraucher damit beauftragt, die Marlboro-Kampagne neu zu gestalten. Zwar hatte die Marke vorher schon auf einen Cowboy gesetzt, doch Schmid «erfand 1993 den American Cowboy vielleicht das letzte Mal neu», wie es in einem Artikel des «Tages-Anzeigers» vor drei Jahren hiess. Auch Schmid sagt, ohne dabei besonders stolz oder gar arrogant zu wirken: «Ich habe den Cowboy geprägt.» Starke Kontraste sollten für klare Konturen sorgen. Berühmt sind seine Cowboy-Fotos bis heute. Nur: Assoziiert werden sie gerade in der Kunstszene eher mit Richard Prince. Der US-Künstler hatte sie sich angeeignet, indem er sie abfotografierte und neu arrangierte. Schmid selber erfuhr durch Zufall davon. «Ich hatte noch nie von Aneignungskunst gehört. Und dann laufe ich an der Biennale in Venedig an meine Bilder ran. Das hat schon genervt.» Doch er fand einen eigenen Weg, wie er damit umgehen konnte. Er entwickelt seither seine eigenen Bilder weiter, indem er Gemälde davon erstellt. «Dabei konnte ich zu Beginn gar nicht malen.»

Hilfe für Kambodscha
Der Künstler muss sich die Zeit dafür einteilen. Neben der Malerei und weiteren Projekten engagiert er sich in seinem Hilfswerk Smiling Gecko. Mit diesem versucht er, der kambodschanischen Bevölkerung zu helfen. Dafür hat er in Kambodscha eine Schreinerei nach Schweizer Qualitätsstandards aufgebaut. Wer sich dort ausbilden lässt, soll eine Lehre auf Schweizer Niveau erhalten. Immer wieder führte vor Ort eines zum anderen. Mittlerweile gibt es Pläne für einen ganzen Campus, an denen sich auch die ETH beteiligt. Vom Kinderhort bis zur Universität soll dieser alles anbieten. Und ganz nebenbei hilft Schmid mit, in Kambodscha eine funktionierende Land- und Viehwirtschaft aufzubauen und ein Hotel auf Vier-Sterne-Niveau zu führen.

Die Biographie von Hannes Schmid scheint von Zufällen geprägt. Nur: Zufälle will er es nicht nennen. Begebenheiten seien das gewesen. Chancen, die er ergriffen habe. Dabei half ihm, dass er keine Angst vor dem Tod zu kennen scheint. Und trotz seines nicht ungefährlichen Lebenswandels, dem Tod am nächsten kam Schmid vor rund zwei Jahren am eigenen Kühlschrank in seinem Haus in der Zürcher Agglomeration. Dort lebt er mit seiner Frau, einer Singapur-Chinesin, und den zwei Kindern. Für seine Familie wollte er aus dem Ausland mitgebrachte Zutaten zubereiten. Er schnitt sich an etwas Eis, das er vom Kühlschrank entfernte. Der Schnitt stand am Anfang einer ernsthaften Blutvergiftung. Die Ärzte sagten ihm, dass man nur hoffen könne, dass das Antibiotikum anschlage. Sonst könnten sie nichts tun. Schmid, der auch in dieser Situation scheinbar unbeeindruckt blieb, dachte schon einmal an seinen Grabstein. Er sollte in Form eines Kühlschranks gehalten sein. Schmid überlebte. Am Donnerstag feiert er seinen 70. Geburtstag.


Dieser Artikel erschien in der Ostschweiz am Sonntag vom 9. Oktober 2016. / Bilder: Ralph Ribi

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«Müssen die Hotellerie stärken»

Seit rund 100 Tagen amtet Bruno Damann als Regierungsrat. Der Volkswirtschaftsdirektor äussert sich zu Standortfragen, die das Toggenburg betreffen.

Bruno Damann, wie blicken Sie auf Ihre erste Zeit als Regierungsrat zurück?
Es war eine grosse Umstellung, von meinen vorherigen Tätigkeiten als Arzt und Stadtrat in die Regierung zu wechseln. Aber ich habe eine gut aufgestellte Mannschaft vorgefunden, ein sehr gut organisiertes Departement. Dadurch ist mir der Einstieg nicht so schwergefallen. Ich lerne aber noch jeden Tag dazu.

Haben Sie schon grosse Baustellen entdeckt?
Es gibt natürlich ein paar Baustellen, nur schon wegen der Wirtschaftslage. Zum Beispiel müssen wir auf den Tourismus achten, der abwärts zeigt. Positiv hingegen ist, und auch ein wenig überraschend, dass die Industrie die Aufhebung des Euromindestkurses gut gemeistert zu haben scheint. Wir haben kaum mehr Arbeitslose, auch die Steuereinnahmen 2015 sind recht gut.

Der Tourismus ist für das Toggenburg sehr relevant. Die Region hinkt im Kantonsvergleich hinterher.
Im Toggenburg haben wir zwei Probleme: Ein massiver Rückgang deutscher Touristen vor allem in den letzten beiden Saisons, aber auch die Zahl der Schweizer Touristen ist rückläufig. Früher lag das Verhältnis ausländischer Gäste zu Schweizern bei etwa 30 zu 70 Prozent. Heute bei rund 20 zu 80. Diese 80 Prozent trügen aber, denn darin ist ein absoluter Rückgang von 12 Prozent bei Schweizer Gästen zu verzeichnen. Wir liegen so mit deutlich unter den früheren 70 Prozent.

Eine Folge des Frankenschocks?
Auch. Wir haben ein relativ grosses Angebot in Grenznähe, zum Beispiel im Vorarlberg, das einfach billiger ist. Schweizer gehen ins Ausland und Ausländer kommen nicht in die Schweiz. Dazu kommt aber auch inländische Konkurrenz.

Wie kann man dem Toggenburg unter die Arme greifen?
Wir müssen die Hotellerie stärken. Ein erster Schritt ist das Klanghotel, das der Kanton unterstützt. Wir hoffen natürlich, dass das weitere Investoren anzieht. Positiv ist sicher auch das neue Gipfelrestaurant auf dem Chäserrugg. Das wirkt bereits anziehend. Als Kanton können wir aber nicht einfach Geld sprechen. Häufig sind wir mit Know-how, nicht mit Geld involviert. Und wir stellen Kontakte und Verbindungen her.

Erschwert das vorläufige Scheitern des Klanghauses die Arbeit?
Nach aussen sendete dies kein gutes Signal. Wenn in einer Gegend Neues entsteht, weckt das immer das Interesse der Bevölkerung. Überzeugt im Endeffekt das Erlebnis, kommen die Gäste mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder. Negativmeldungen hingegen sind für ein touristisches Gebiet schlecht und nur schwer zu revidieren.

Sendet der Tarifstreit der Bergbahnen ähnliche Signale?
Diese Signale waren sicher nicht förderlich. Die unterschiedlichen Strategien der beiden Bergbahnen sind für das Toggenburg suboptimal. Als Kanton können wir hier aber nur begrenzt eingreifen, es geht um zwei private Aktiengesellschaften. Der Trend für die Zukunft zeichnet sich klar ab. Die Touristen wünschen sich grosse Gebiete mit einheitlichen Angeboten und Systemen. Wenn man einen Blick über die Grenze wirft, fallen vor allem Zusammenschlüsse verschiedener Gebiete – wie zum Beispiel kürzlich die Vereinigung St. Anton am Arlberg mit Lech Zürs – auf.

Wichtig für den Standort ist auch, dass bestehende Firmen nicht abwandern und neue dazukommen. Was sind die Stärken des Toggenburgs?
Gerade aus dem Untertoggenburg ist man sehr schnell am Flughafen Zürich. Das ist heute für internationale Firmen ein wichtiger Faktor. Mit der Kantonsschule Wattwil steht das Tal auch bezüglich Bildung gut da. Positiv ist natürlich die schöne, intakte Landschaft.

Und die Schwächen?
Die Bekanntheit. Man kennt das Toggenburg nicht. Und vielleicht fehlt auch etwas eine positive Grundstimmung wegen der schlechten Beschäftigungszahlen. Firmen fragen sich vielleicht: Wenn alle abwandern, warum soll ich da hin?

Kann man das ändern?
Wir sind bestrebt, dass man mindestens das Bestehende erhalten kann. Das Toggenburg war in den letzten Jahren die einzige Region, in der die Beschäftigungszahlen abwärts zeigten. Nicht massiv, ich will nicht von einer Krisenregion sprechen, aber strukturschwach ist das Tal. Positiv ist hingegen, dass das Toggenburg bei den Know-how-intensiven Unternehmensgründungen gut abschneidet. Und das sind die Betriebe, die wir wollen, weil die Wertschöpfung gross ist.

Ein Standortfaktor ist auch der öffentliche Verkehr. Wie präsentiert sich hier die Lage im Toggenburg?
Ein guter öV ist wichtig, keine Frage. Wie weit wir aber gehen, ist offen. Aktuell prüfen wir, ob ein Bahninfrastrukturausbau auf der Strecke im Obertoggenburg wirklich nötig und sinnvoll ist. Das Halbstundenangebot bleibt aber bestehen. Für den Voralpen-Express planen wir den Halbstundentakt und eine Beschleunigung der Fahrt. Ein bisschen problematisch ist der Knoten Wil. Dafür könnte das Toggenburg davon profitieren, dass der REX bis nach Zürich weitergezogen wird, und das sogar im Halbstundentakt. Ganz grundsätzlich möchten wir aber eher das Bestehende konsolidieren und vielleicht noch einzelne Schwachpunkte ausmerzen.

Auch Strassen dürften ein Standortfaktor sein. Die Strasse über den Ricken wird immer wieder bemängelt.
Strassen sind ein wichtiger Punkt bei der Standortförderung. Aktuell erarbeiten das Bau- und das Volkswirtschaftsdepartement eine Gesamtverkehrsstrategie. Der motorisierte Individual- und der öffentliche Verkehr müssen als Gesamtsystem funktionieren. Die Strasse über den Ricken war unlängst Thema einer Einfachen Anfrage im Kantonsrat. Die Regierung sieht hier keinen Handlungsbedarf.

Standorte leben auch von Netzwerken, gerade in innovativen Branchen. Kann man deren Entstehung fördern?
Netzwerke kommen automatisch immer mehr und mehr. Die junge Generation arbeitet mit Netzwerken. Es liegt aber auch an den Betrieben, Netzwerke aufzubauen. Wir unterstützen dabei natürlich so gut wie möglich.

Bei der Standortförderung spielen auch die Steuern eine Rolle. Tiefe Steuern können Einnahmeausfälle nach sich ziehen. Wie wollen Sie diesen Spagat meistern?
Das ist ein schwieriger Spagat. Darum will die Regierung nicht um jeden Preis neue Firmen anlocken, sondern bestehende Firmen pflegen. Ziel ist es auch, wertschöpfungsstarke Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen anzusiedeln. Im Rahmen der Unternehmenssteuerreform III beschäftigt sich die Regierung aktuell sehr intensiv mit der Steuerfrage.


Zur Person
Am 28. Februar wurde Bruno Damann im ersten Wahlgang als neuer Regierungsrat gewählt. Weil sein Vorgänger Benedikt Würth ins Finanzdepartement wechselte, führt er seit 1. Juni das Volkswirtschaftsdepartement. Der Gossauer mit Jahrgang 1957 war davor als Arzt tätig und von 2013 bis zu seinem Amtsantritt Stadtrat. Der CVP-Politiker ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.


Dieses Interview erschien am 23. September 2016 im Toggenburger Tagblatt.

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Stein am Rhein: Verbindender Fluss

Morgens um halb zehn wirkt Stein am Rhein beim Parkplatz vor dem Eingang zur Altstadt wie ein ganz normales Dörfchen. Kaum Leute, kaum Verkehr. Spätestens wenn man das Untertor durchschreitet und zum ersten Mal einen Blick auf die von Erkern geprägten Fassaden erhascht, wird man sich bewusst, dass «normal» für Stein am Rhein nicht gelten kann. Den Eindruck verstärken die Touristen, die im Verlaufe des Vormittags mit Reisebussen, dem Schiff und über die Buslinie aus dem deutschen Singen ankommen. Sie alle erfreuen sich an der mehr als gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt, die auf der «falschen» Seite des Rheins liegt, der deutschen Seite.

Stein am Rhein von oben

Stein am Rhein von der Burg Hohenklingen aus

Am, im und auf dem Rhein
Der Fluss als eigentlich prädestinierte natürliche Grenze hat im oberen Schaffhauser Kantonsteil aber seit jeher eine verbindende, keine trennende Funktion. Früher war er die Ost-West-Verbindung für den Warentransport, heute ist er zentraler Bezugspunkt der Einheimischen. «Die liebste Beschäftigung der Steiner, vor allem im Sommer, ist am, im und auf dem Rhein zu sein», sagt die Stadtpräsidentin Claudia Eimer. Selbst der Name des Städtchens steht in direkter Beziehung zum Fluss, nicht nur wegen des Zusatzes «am Rhein». Zwei mögliche Entstehungsgeschichten gibt es zur Ortsbezeichnung. Die eine bezieht sich auf Verwirbelungen bei einigen Steinen am Ortseingang. Die andere geht zurück auf einen Stein bei der Werdinsel. «Der Stein war früher viel grösser. Man nimmt sogar an, dass dort eine Steingruppe stand, etwa vergleichbar mit Stonehenge. Diese soll als eine Art Sonnenkalender gedient haben», erklärt Eimer. Die Erhaltung der Altstadt, für die das Städtchen 1972 den ersten Wakkerpreis überhaupt für beispielhaften Ortsbildschutz erhielt, ist für Stein am Rhein aber auch eine grosse Herausforderung. «Das Stadtbild verpflichtet. Mit den Steuern unserer rund 3400 Einwohner alleine lässt sich die Erhaltung nicht vollständig finanzieren», beschreibt Eimer das Problem. Das Städtchen ist aber in der glücklichen Lage, dass es von der finanzstarken Jakob-und-Emma-Windler-Stiftung unterstützt werden kann. Die Windler-Geschwister waren nach dem Konkurs ihres Vaters in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, bis sie nach dem Tod ihrer Cousine Marie Gnehm ein ansehnliches Vermögen erbten und später damit die Stiftung gründeten. Dieses hatte ihr Vater Robert Gnehm als Direktionsmitglied und Präsident der Vorläuferin der CIBA sowie als Verwaltungsrat von Sandoz (heute Novartis) erwirtschaftet. Zum Vermögen gehörten auch Aktien der chemischen Industrie.

Zweistelliger Millionenbetrag
Der Entscheid, die Novartis-Aktien zu behalten, sollte sich als richtig herausstellen. Heute kann die Stiftung jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag ausschütten. Nur aus Zinsen und Dividenden. Im Stiftungsrat sitzen zwei Vertreter der Novartis sowie Eimer als Stadtpräsidentin von Amtes wegen. Sie sagt: «Im Stiftungszweck ist neben der Förderung von Kulturellem und Sozialem im ganzen Kanton Schaffhausen explizit die Erhaltung des Stadtbildes von Stein am Rhein erwähnt. Man kann daher schon sagen, dass auch wegen der Stiftung alles so schön ist hier.» Neben der bemerkenswerten Altstadt hat die Stiftung auch die Renovation der Burg Hohenklingen mitfinanziert, die über Stein am Rhein thront. Dass eine potente Stiftung auch eine Herausforderung sein kann, beschreibt Eimer am Beispiel einer neuen Dreifachturnhalle. Während die Stiftung den Bau mitfinanzierte, ist für den Unterhalt die Stadt verantwortlich. Sich deshalb aber gegen den Bau einer solch grossen Halle zu stellen, sei politisch schwierig, sagt Eimer. «Man müsste den Einwohnern erklären, dass wir den Rolls-Royce nicht annehmen können, weil wir kein Geld fürs Benzin haben.» Stein am Rhein hat das seltsame Problem, gleichzeitig über zu viel und zu wenig Geld zu verfügen.

Häuserfassaden in Stein am Rhein

Häuserfassaden in Stein am Rhein

800’000 Gäste im Jahr
Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. «800’000 Gäste im Jahr bringen Wertschöpfung. Unsere Stärke ist der Tagestourismus.» Weil die Wertschöpfung steigt, wenn die Gäste länger bleiben, versucht die Kulturstadt Stein am Rhein Angebote zu schaffen. In diesem Jahr kommt es zum Beispiel erneut zu einer Aufführung des Schauspiels «No e Wili», ein Stück mit einer bemerkenswerten Geschichte. Seit 1924 wird es in unregelmässigen Abständen aufgeführt. Zu jener Zeit ging es den Einwohnern von Stein am Rhein schlecht. Die Sparleihkasse hatte die verwalteten Gelder mit der Reichsmark gekoppelt, was wegen der einsetzenden Inflation zu erheblichen Verlusten führte. Das Schauspiel, an dem sich hunderte Einwohner beteiligten, sollte Ablenkung, Zusammenhalt und Einnahmen bringen. Bedarf für Ablenkung hatten die Steiner in ihrer Geschichte mehrmals. Am nachhaltigsten im Gedächtnis ist wohl bis heute der Bombenangriff vom 22. Februar 1945, dem vier Frauen und fünf Kinder zum Opfer fielen. Ob die Amerikaner Stein am Rhein fälschlicherweise für Deutschland gehalten hatten, ist bis heute nicht belegt. Wiedergutmachung haben sie jedoch bezahlt. Trotzdem: «Der Tag ist bis heute eine Zäsur in der Stadtgeschichte», sagt Eimer.

Toggenburger Stadtpräsidentin
Die Probleme, die Stein am Rhein heute belasten, sind verglichen dazu natürlich bescheiden. Die Aufführung des grossen Theaterstücks ist daher nicht als Ablenkung zu verstehen, auch wenn erneut rund 300 Laien mitspielen. In diesem Jahr soll damit ein Teil zum Mittelalterjahr des Konstanzer Konziljubiläums beigetragen werden. Am 9. Juli fand die Premiere statt. In fünf Wochen werden rund 25’000 Besucher erwartet. Sollten darunter Toggenburger sein, wird sich Eimer vermutlich besonders freuen. Obwohl heute in Stein am Rhein zu Hause, ist die Stadtpräsidentin mit dem Toggenburg eng verknüpft. Der Heimatort der Familie ist Magdenau-Degersheim, jener ihres Mannes Alt St. Johann. Als Kind verbrachte sie jeden zweiten Samstag bei den Grosseltern in Ganterschwil und in den 80er-Jahren war sie als Lehrerin in Bazenheid angestellt. Sie sagt denn auch: «Eigentlich schade, dass ich mit Stein im Toggenburg keinen Austausch habe.»


Dieser Artikel erschien im Toggenburger Tagblatt vom 15. Juli 2016.

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Antwort vom Roboter

Kurznachrichtendienste wie Kik und Whatsapp entwickeln sich zu Plattformen für virtuelle Assistenten, die spezialisierte Apps ersetzen könnten.

Als in Stanley Kubricks «Odyssee im Weltraum» mit dem «HAL 9000» ein Computer menschenähnliche Züge aufwies, war das für die Kinobesucher noch pure Fiktion. Inzwischen jedoch sind wir den virtuellen persönlichen Assistenten einen grossen Schritt näher gekommen, wie die entsprechenden Angebote Siri von Apple und Google Now zeigen.

In Zukunft könnten die digitalen Helfer zum nächsten grossen Trend werden, und zwar als sogenannte Chatbots. Diese virtuellen Assistenten sind keine eigenständigen Programme. Vielmehr handelt es sich um Applikationen, die innerhalb einer Kurznachrichten-App laufen, beispielsweise in Facebook Messenger, in Telegram, WeChat oder Kik. Aufgerufen werden die Dienste durch eine ganz normale Kurznachricht. Bei Facebook kann der Adressat eine Facebook-Seite sein. In der Kik-App kann man nach der Applikation suchen oder eine Art QR-Code einscannen. Danach erscheint der Chatbot wie ein ganz normaler Kontakt in der Liste der Konversationen.

Die bis jetzt existierenden Chatbots zeigen erst den Anfang einer vermutlich bedeutenden Entwicklung. So kann man in Facebook Messenger beispielsweise mit «Poncho» sprechen, um mehr über das Wetter zu erfahren. Solange man beim Thema bleibt, funktioniert das sogar ganz gut, manchmal ist es auch amüsant. Auf die Frage, ob man morgen kurze Hosen tragen könne, antwortet Poncho mit einem «Du könntest. Aber vielleicht frierst du dann». Andere Chatbots wie derjenige von CNN liefern aktuelle News, wiederum andere erzählen Geschichten oder erklären dem Nutzer, was auf einem Bild abgebildet ist, das man an sie schickt.

Kleider von H&M
Mehr Möglichkeiten bietet schon heute der Messaging-Dienst Kik. Hier kann man zum Beispiel mit einem virtuellen Helfer der Kleiderladenkette H&M nach geeigneten Outfits suchen und sie auch gleich bestellen. Dazu versucht der Chatbot zunächst, den Geschmack des jeweiligen Nutzers herauszufinden.
Das tut er, indem er verschiedene Outfits gegenüberstellt und nach den persönlichen Vorlieben fragt. Danach kann man sich Vorschläge für einzelne Kleidungsstücke geben lassen.

Verkaufsberatungen dieser Art sind zukünftig möglicherweise ein bevorzugter Einsatzzweck für Chatbots, sagt der Online-Journalist Martin Hoffmann. Andere Dienstleistungen dürften hinzukommen, aber wie sie aussehen werden, ist offen, weil das Phänomen noch zu jung ist. Der kleinste gemeinsame Nenner lautet: Chatbots sind Programme, die Testeingaben automatisch interpretieren und darauf antworten.

Für Martina Dalla Vecchia, Dozentin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kommt der einsetzende Hype um Chatbots nicht überraschend. «Dienste wie Whatsapp haben einen sehr hohen Akzeptanzgrad», sagt sie. «Zudem kann ich als Unternehmen per Chatbot eine flexible Skalierung der Dienstleistung vornehmen und dabei trotzdem individuell auf Kunden eingehen.»

Der Boom der Kurznachrichtendienste geht jedenfalls weiter. Die vier grössten Anbieter zählten im vergangenen Jahr erstmals mehr aktive Nutzer als die vier grössten sozialen Netzwerke. «Damit müssen viele noch klarkommen», sagt Hoffmann. «Gerade hat man sich an Facebook und Co. gewöhnt, und schon folgt der nächste Schritt.» Auch hierzulande verwendet fast die Hälfte aller mobilen Internetnutzer mehrmals täglich einen Messaging-Dienst. Das hat die Agentur Xeit in einer Studie mit 1000 Teilnehmern festgestellt. Zudem macht sich inzwischen bei der Nutzung von Apps eine gewisse Ernüchterung breit. «Neue Apps werden kaum noch entdeckt, und sogar die besten Apps werden nach einer Woche nur noch von der Hälfte der ursprünglichen User benützt», sagt Hoffmann. «Da bieten Chatbots in etablierten Messaging-Diensten eine valable Alternative.»

Mehr Macht
Chatbots könnten für die Anbieter von Messaging-Diensten auch finanziell ein lohnendes Geschäft werden. Die meisten Chat-Apps sind heute gratis. Von der grossen Reichweite ihrer Apps profitieren die Anbieter daher kaum. Chatbots könnten das ändern. Sicher ist wohl: Wenn eine Drittfirma mit einem Chatbot Geld verdient, wird der Anbieter des Messaging-Dienstes etwas davon haben wollen. Denkbar sind verschiedene Ansätze zur Monetarisierung. Hoffmann verweist auf die Möglichkeit, Werbung zu schalten. Und in der Tat will zum Beispiel Facebook Werbung in den Konversationen mit Chatbots erlauben. Andere Messaging-Dienste werden die Schnittstelle nur kostenpflichtig zur Verfügung stellen, und wieder andere könnten sich auch an einem System von Provisionen versuchen: Für jedes Kleidungsstück, das der Chatbot verkauft, bekommt der Messaging-Dienst dann einen Anteil.

Damit würde sich die Macht im digitalen Universum in Zukunft verschieben: weg von Apple und Google und hin zu den Anbietern der Kurznachrichtendienste. «Vielleicht werden wir in Zukunft nicht mehr nach iOS und Android unterscheiden, um die Fähigkeiten eines Smartphones zu charakterisieren», sagt Hoffmann. «Vielleicht verläuft die Unterscheidung in Zukunft zum Beispiel zwischen Whatsapp und Facebook Messenger.»


Dieser Artikel erschien in der NZZ am Sonntag vom 3. Juli 2016.

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Die Silberne Generation

Der Schweizer Fußball boomte in der Zwischenkriegszeit. Ihre wichtigsten sportlichen und politischen Erfolge feierte die Nationalmannschaft in Frankreich – bei den olympischen Spielen 1924 und der Weltmeisterschaft 1938.

Die Schweiz spielt im Fußball eine wichtige Rolle. Sowohl die FIFA als auch die UEFA haben dort ihren Sitz, und im FIFA-Präsidium folgte ein Schweizer auf den anderen. Auch die Schweizer Politik mischt fleißig mit, indem sie recht wenig gegen die Korruption bei den ansässigen Verbänden unternimmt. Was die Nationalmannschaft zeigt, wird hingegen weniger beachtet, auch wenn sie zuletzt einige Erfolge verzeichnen konnte. Die Schweiz qualifiziert sich zwar regelmäßig für große Turniere, kommt dort aber ebenso regelmäßig über Achtungserfolge kaum hinaus. Im Vereinsfußball sieht es nicht anders aus, höchstens der FC Basel sorgt mit seinen Europacup-Auftritten international für Aufmerksamkeit. Kurzum: Der Schweizer Fußball interessiert primär in der Schweiz.

Olympischer Europameister
Das war nicht immer so. Als sich der Fußball in England langsam zum Massensport entwickelte, spielte die Schweiz in seiner Verbreitung im restlichen Europa eine wichtige Rolle. Früh gründeten sich Vereine, die oft von Engländern getragen wurden, die Schweizer Privatschulen besuchten. Mit dem FC Sankt Gallen kommt der älteste noch existierende Fußballklub Kontinentaleuropas aus der Schweiz. Auch in anderen europäischen Länder prägten Schweizer die Entwicklung des Spiels, das wohl prominenteste Beispiel ist Hans Gamper, der am 29. November 1899 den FC Barcelona gründete. In der Zwischenkriegszeit boomte der Schweizer Fußball, Fabian Brändle und Christian Koller bezeichnen diese Phase in ihrem Buch „4 zu 2“ sogar als die Goldene Zeit.

Auch die Nationalmannschaft gehörte damals zu den besten Europas. Zwei Auftritte bei Großereignissen in Frankreich sollten bleibende Erinnerungen hinterlassen – einmal in sportlicher, einmal in politischer Hinsicht. Der sportliche Höhepunkt ereignete sich bei den olympischen Spielen in Paris 1924. Schon in ihrem Eröffnungsspiel gegen Litauen feierte die Schweiz mit dem 9:0 ihren bis heute höchsten Sieg. Im Achtelfinale gegen die Tschechoslowakei musste die Mannschaft zwar nach dem 1:1 ein Wiederholungsspiel bestreiten, gewann dieses aber 1:0. Im Viertelfinale folgte ein 2:1-Sieg gegen Italien, im Halbfinale setzte sich die Schweiz gegen Schweden ebenfalls 2:1 durch. Im Finale war Uruguay dann aber zu stark und gewann 3:0. Die olympische Silbermedaille ist bis heute der größte Erfolg einer Schweizer Nationalmannschaft, nach der Finalniederlage durfte sich die Schweiz zudem als Europameister bezeichnen. Welt- und Europameisterschaften wurden damals noch nicht ausgetragen.

Schwammige Verteidigung
14 Jahre später waren die Weltmeisterschaften schon etabliert, im Juni 1938 fanden sich die besten Nationalmannschaften in Frankreich zur bereits dritten Endrunde ein. Wie schon 1934 hatte sich die Schweiz qualifiziert, die Stimmung wurde 1938 aber noch stärker von politischen Fragen dominiert – auch weil der Schweiz in der ersten Runde Deutschland zugelost worden war. Der Zweite Weltkrieg sollte zwar erst 1939 beginnen, doch die expansive Politik der Nationalsozialisten führte in der Schweiz schon zu einem großen Unbehagen. Insbesondere der „Anschluss“ Österreichs wenige Wochen vor Turnierbeginn nährte die Angst, die Schweiz könnte ihre Unabhängigkeit verlieren.

Zur Wahrung vermeintlich schweizerischer Werte propagierten Politiker, Künstler und Intellektuelle in den 1930er Jahren die „Geistige Landesverteidigung“, das recht schwammige Motto sollte auch in seiner Umsetzung variabel bleiben: So wurde sowohl unter einer linken Perspektive gegen den Faschismus gekämpft als auch unter Zuhilfenahme von völkischem Gedankengut gegen links. Zunächst wurde die „Geistige Landesverteidigung“ gegen den Nationalsozialismus in Stellung gebracht, nach dem Zweiten Weltkrieg gegen den Kommunismus.

Symbolischer Sieg
Das erste WM-Spiel 1938 gegen das nationalsozialistische Deutschland war jedenfalls aufgeladen. Die Tatsache, dass Deutschland mit fünf Spielern aus der „Ostmark“ auflief, verlieh der Sorge der Schweizer um die Zukunft zusätzliches Gewicht, wie Brändle und Koller betonen. Nachdem im ersten Spiel auch nach Verlängerung keine Entscheidung gefallen war, kam es zum Wiederholungsspiel. Nach 22 Minuten lag die deutsche Mannschaft im Parc des Princes schon 2:0 vorne, alles schien entschieden. Doch die Schweiz drehte das Match und gewann schließlich 4:2.

In der nächsten Runde scheiterten die Schweizer an der Tschechoslowakei, dennoch hatte der Erfolg gegen Deutschland hohe symbolische Bedeutung. In den Augen der Medien war es der Sieg eines kleinen, aufopferungsvoll kämpfenden Volkes gegen ein übermächtiges Regime. Die Schweiz habe den „Unbesiegbarkeitsfimmel der braunen Bataillone gestoppt“, schrieb die Basler Arbeiter-Zeitung. Der Schweizer Riegel, wie das von Teamchef Karl Rappan entwickelte, kompakte Abwehrverhalten jener Zeit genannt wurde, wurde zum Symbol der Selbstverteidigung. Was machte es da schon, dass der Wiener Rappan selbst Mitglied der NSDAP war.


Dieser Text erschien im ballesterer #112 und auf der ballesterer-Webseite.

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Betrug am Volk

Wer sich beim Kauf eines Produktes im Internet auf die Bewertungen anderer Nutzer verlässt, geht oft Fälschern auf den Leim. Wie man sich dagegen schützt.

Gefälschte Bewertungen von Produkten im Internet können einem Konzern schweren Schaden zufügen. Der Online-Versandhändler Amazon geht deshalb seit einiger Zeit juristisch gegen solche Einträge auf seiner Plattform vor. Erst Ende April vermeldete der Amazon-Watchblog eine Klage in den USA, die mehreren Betrügern das Handwerk legen soll.

Obwohl Amazon oft im Fokus der Aufmerksamkeit steht, gefälschte Bewertungen kommen auch andernorts vor. Insbesondere jene Branchen sind gefährdet, bei denen Bewertungen eine grosse Rolle spielen. Das sind neben grossen Verkaufsplattformen vor allem Hotels und Restaurants, wie Dominik von Büren von der Marketingagentur Xeit sagt. «Es ist in diesen Branchen wichtig, auf der eigenen Website Vertrauen zu schaffen, zum Beispiel durch positive Bewertungen.» In der Schweiz sei das Problem aber noch nicht so gross wie in anderen Ländern, beispielsweise in Deutschland.

Dieser Ansicht widerspricht der auf IT-Recht spezialisierte Anwalt Martin Steiger. «Allein schon wegen der Anreizstruktur gehe ich nicht davon aus, dass sich das Problem in der Schweiz anders präsentiert als im Ausland.» Besonders für Firmen, die ein ungenügendes Marketing hätten, sei der Anreiz gross, sich über gefälschte Bewertungen in ein besseres Licht zu rücken. In der Tat berichtet Sara Stalder, Geschäftsleiterin des Konsumentenschutzes, dass immer wieder besorgte Konsumenten anfragen. «Die Leute möchten von uns eine Einschätzung der Seriosität von Bewertungen.»

Modell für Erpresser
Das Fälschen von Bewertungen muss nicht immer von den Unternehmen ausgehen, die sich in ein besseres oder ihre Konkurrenten in ein schlechteres Licht rücken wollen. Auch Erpressungsmodelle seien schon bekannt geworden, sagt Steiger. «Das funktioniert nach dem Motto: ‹Bezahl mich für gute Bewertungen oder ich sorge für schlechte Bewertungen›.» Manchmal könnten sich Kunden durch eine bessere Bewertung auch Vorteile in einem Wettbewerb verschaffen, sagt Sara Stalder.

Wie auch immer: «Wenn ich für ein Produkt, das ich gar nicht gekauft habe, oder für eine Dienstleistung, die ich nicht in Anspruch genommen habe, eine Bewertung abgebe, ist das möglicherweise ein Fall von unlauterem Wettbewerb und damit strafrechtlich sanktionierbar», erklärt Steiger. «Das gilt auch, wenn ich eine solche Bewertung in Auftrag gebe.» Dazu kommen unter Umständen zivilrechtliche Folgen wegen Persönlichkeitsverletzung. Auch die Betreiber von Plattformen für Produkte oder Dienstleistungen sind nicht von jeglicher Verantwortung befreit. «In der Schweiz können Provider für Inhalte verantwortlich gemacht werden», sagt Steiger. Vielleicht sind die Plattformen deshalb vorsichtiger geworden. «Viele Betreiber haben mittlerweile Barrieren eingebaut», sagt Stalder. «Bei manchen kann ich nur ein Produkt oder eine Dienstleistung bewerten, wenn ich auch über diese Plattform etwas gekauft habe.»

Wird ein Betrüger überführt, droht ihm typischerweise eine Geldstrafe, die im Erstfall meist bedingt ausgesprochen wird. Dazu kommt eine Busse von mindestens einigen hundert Franken. Weit schwerer wiegen die Verfahrenskosten, die dem Schuldigen aufgebrummt werden dürften. Diese können ohne weiteres einige tausend Franken betragen. Allenfalls kann der Geschädigte auch noch Schadenersatzforderungen anführen.

Nutzer schlagen zurück
Der Marketingexperte Dominik von Büren verweist auf eine zusätzliche Gefahr. Wenn es sich um Betrügereien handelt, die einen Konkurrenten schlecht oder die eigene Unternehmung gut aussehen lassen, dann bringt ein Bekanntwerden dieser Tatsache einen grossen Reputationsschaden mit sich. «Der Schaden ist dann vermutlich weit grösser als der kurzfristige Nutzen von guten Bewertungen», sagt von Büren. Das sei insbesondere der Fall, wenn die Nutzer zurückschlagen: «Wenn ich ein Produkt gekauft habe, weil die Bewertungen gut waren, sich das Produkt dann aber als schlecht herausstellt, werde ich eher eine negative Bewertung hinterlassen.»

Einig sind sich Steiger, von Büren und Stalder, wie man mit der Tatsache umgehen sollte, dass nicht alle Bewertungen richtig sind. Es geht darum, kritisch zu sein. «Als kritischem Nutzer fallen mir gefälschte Bewertungen schnell auf», sagt von Büren. Er empfiehlt, besonders darauf zu achten, wie sich die Bewertungen verteilen. Nur positive Bewertungen sind verdächtig, erst recht, wenn sie in einem kurzen Zeitraum verfasst wurden, der noch dazu meist gleich kurz nach der Lancierung des Produkts liegt. Stalder stimmt zu: «Kein Produkt und keine Dienstleistung wird von allen gleich gemocht.»

Man sollte auch darauf achten, was im Text zu den Bewertungen steht. Je übertriebener die Formulierung ist und je häufiger der Firmenname erwähnt wird, desto eher handelt es sich um Fälschungen. Stalder betont, dass eine gesunde Skepsis nötig ist: «Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass geschummelt wird. So bleiben sie vorsichtig.» Sie sagt aber auch, dass Bewertungen vieler Kunden eigentlich der beste Weg wären, um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu bewerten. «Es ist so etwas wie die Weisheit der vielen», sagt Stalder.


Dieser Artikel erschien in der NZZ am Sonntag vom 12. Juni 2016.

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Journalistischer Abstiegskampf

Gegen Ende einer Saison fallen in den Fussballligen der Welt naturgemäss die letzten Entscheidungen. So zum Beispiel in deutschen Bundesliga am vergangenen Samstag: In der letzten Runde kommt es im Abstiegskampf zum Duell Bremen – Frankfurt. Wer verliert, der muss in die Barrage. Theoretisch wäre für Bremen sogar noch der direkte Abstieg möglich gewesen, hätte Stuttgart seine Partie gewonnen. Am Schluss schafft Bremen den direkten Ligaerhalt, Frankfurt muss in die Barrage und Stuttgart ist zweitklassig.

Bei Zeit Online wagt man eine Einordnung des Beitrags der Bremer Fans zum Klassenerhalt. Da steht dann unter anderem: „Abstiegskampf? Feiertage waren das! Keine Ultras, die Trikots nach Niederlagen als Skalp einforderten, keine Pfiffe, keine Demütigungen verunsicherter Spieler. Stattdessen: Fröhlichkeit.“ Und nur drei Absätze weiter: „Auch in Bremen erhärtete sich vor dem Spiel der Eindruck, dass die Frankfurter Anhänger mutig, manche sogar übermütig sind. Als einige Minuten vor der Ankunft der Busse vier Frankfurter zögerlich die mit Tausenden Werder-Fans gesäumte Einfahrt hinunterschreiten, werden sie zu Beginn angesungen, zur Hälfte des Weges angebrüllt und schließlich, kurz vor dem Stadiontor, weggeschubst. Den Frankfurter Bus bewerfen die Bremer mit Flaschen und Eiern. Es bleiben die einzigen hektischen und unschönen Sekunden an diesem Nachmittag.“

Natürlich kann der Autor des Textes, Fabian Scheler, die im ersten Zitat wiedergegebene Aussage durchaus so geschrieben haben, dass sich die Ultras in Bremen seines Erachtens nach richtig verhalten haben. Gerade so gut möglich ist aber, dass er denkt, die Ultras hätten sich gar nicht an dieser guten Stimmung beteiligt. Wie dem auch sei, das zweite Zitat ist interessanter: Vor dem Spiel werden Frankfurter von Bremern angepöbelt und der Mannschaftsbus der Gäste beworfen. Trotzdem scheint das nur eine Randnotiz gewesen zu sein. Sonst sei ja schliesslich nichts passiert. Nur: „Sonst“ ist dann nur noch der Zeitraum nach dem Spiel. Und da hatten die Bremer vermutlich besseres zu tun, schliesslich konnte man den Klassenerhalt feiern. Irgendwie scheint die zentrale Aussage des Textes schon vor dem letzten Spieltag klar gewesen zu sein. Und irgendwie scheinen die Fakten dann nicht so recht gepasst zu haben.

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Wo Möwen ihre Nester bauen

Brighton & Hove Albion hat 20 bewegte Jahre hinter sich: Ein Präsident, der das alte Stadion verkauft, Heimspiele im Exil und auf einem ungeliebten Platz. 

„Seagulls, Seagulls“, hallt es durch das Falmer Stadium des Brighton & Hove Albion FC. Die Mannschaft aus der südenglischen Küstenstadt hat im Spiel gegen Sheffield Wednesday gerade eine Chance vergeben. Der Aufschrei des Publikums hat eine Möwe aufgeschreckt. Sie flattert durchs Stadion und verschwindet im Nachthimmel. Ihr Anblick führt, wie er das immer tut, zu einem langgezogenen Skandieren des Spitznamens des Klubs. Doch die Fans der „Seagulls“ werden an diesem Dienstagabend im März nicht mehr oft Anlass haben, Lärm zu machen. Wie schon drei Tage zuvor beim Auswärtsspiel in Preston schaut am Ende nur ein 0:0 heraus.

Die Küste Brightons

Bereit für den Aufstieg
Es sollte ein kurzes Zwischentief sein. Brighton spielt eine starke Saison. Zu Redaktionsschluss steht der Klub auf dem zweiten Rang der zweiten Liga. Zumindest ein Platz in den Play-offs, in denen die Dritt- bis Sechstplatzierten den dritten Aufsteiger in die Premier League ausmachen, scheint sicher. Drew Whitworth, Redakteur des Fußballmagazins When Saturday Comes, ist optimistisch: „Brighton hat nie zum Schluss einer Saison versagt. Und im letzten Spiel treffen sie auf den direkten Konkurrenten aus Middlesbrough.“

Bekannt ist der Klub aber weniger für sportliche Erfolge, sondern für seinen Charakter. DJ „Fatboy Slim“, der in Brighton seine Karriere startete, ist bekennender Fan des Vereins und war mit seinem Label „Skint“ neun Jahre lang Trikotsponsor. Heute noch besitzt er Anteile des Klubs. Auch ein anderer Musiker gehört beinahe zum Vereinsinventar. Punkrocker „Attila the Stockbroker“ hat die Hymne der Grafschaft Sussex, die auch bei Spielen des Klubs gesungen wird, in einer Ska-Version veröffentlicht, war jahrelang für die Durchsagen bei Heimspielen zuständig und ist durch seine Fußballgedichte zum regelrechten Klubpoeten geworden.

Bisherige Blütezeit des Vereins waren die Jahre 1979 bis 1983 mit Brightons einzigen Saisonen in der höchsten Spielklasse. Damals stand der Klub auch zum einzigen Mal im Finale des FA-Cup, musste sich dort 1983 aber im Wiederholungsspiel Manchester United beugen. Im Unterschied zu damals steht Brighton heute nicht nur sportlich gut da. „Der Klub hat ein Vermögen in das Stadion und in die Trainingsanlagen gesteckt. Die sind jetzt bereits auf höchstem Niveau“, sagt Andy Naylor, Sportchef der lokalen Tageszeitung Argus. „Das Geld, das andere Klubs nach einem Aufstieg für solche Posten ausgeben müssen, kann Brighton in das Team investieren.“ Doch um an diesen Punkt zu gelangen, musste der Klub eine fast 20-jährige Odyssee mit verschiedenen Ligen, Stadien und Besitzern ertragen.

Ein Stadion um 56 Pfund
Der Erfolg der 1980er Jahre fiel in eine düstere Zeit für den englischen Fußball. „Der Verein war gut zu einem schlechten Zeitpunkt“, sagt Whitworth. „Der Fußball war in der Krise, auch wegen des Hooliganismus. Es sind keine Zuschauer gekommen.“ Folglich ging die sportlich erfolgreichste Zeit dem Verein an die finanziellen Reserven. 1993 brachte ein Besitzerwechsel Brighton fast um. Damals übernahm Bill Archer, Betreiber einer Baumarktkette, die Kontrolle über den verschuldeten Verein. Der Kaufpreis: 56 Pfund und 25 Pence. Zwei Jahre später verkaufte Archer die langjährige Heimstätte, den Goldstone Ground, um rund sieben Millionen. Eine neue Spielstätte war zu dem Zeitpunkt nicht vorhanden. „Archer hat die 56 Pfund für das Grundstück gezahlt, nicht für den Klub“, sagt Whitworth. „Er wollte einfach Profit machen. Er hat die Statuten geändert, sodass er Gewinn aus dem Verein ziehen konnte.“

Die Fans waren wenig erbaut darüber. Diverse Protestaktionen inklusive zweier Platzstürme waren das Ergebnis, doch sie brachten nichts. Dass Archer wirklich ein neues Stadion bauen wollte, daran glaubten nur die wenigsten. Da der Präsident nicht unbedingt auf Transparenz setzte, mussten sie echte Neuigkeiten aus der Zeitung erfahren. „Wir haben damals viele investigative Geschichten gemacht“, sagt Journalist Naylor. „Auch deshalb war unser Verhältnis zu Archer getrübt. In den letzten Jahren des Goldstone Ground haben wir sogar Hausverbot gehabt.“ Die Reporter vom Argus wussten sich zu helfen. Aus einer Wohnung, die hoch genug lag, konnten sie ins Stadion fotografieren, und verkleidet schafften es die Journalisten auch weiterhin hinein.

Erschreckend hässlich
Als 1997 das letzte Spiel im Goldstone Ground stattfand, ging es nicht nur darum, sich von der langjährigen Heimstätte zu verabschieden. Brighton war inzwischen in die vierte Liga abgestiegen – und in höchster Gefahr erneut abzusteigen und damit aus der professionellen Football League zu verschwinden. Doch der Sieg gegen die Doncaster Rovers sicherte ein Entscheidungsspiel, im letzten Auswärtsmatch gegen Hereford United reichte ein Unentschieden zum Klassenerhalt. Das sportliche Fiasko war verhindert, doch die Heimstätte verloren. Die nächsten zwei Saisonen musste Brighton im mehr als 100 Kilometer entfernten Gillingham bestreiten. „Für eine Richtung haben wir eineinhalb Stunden gebraucht – und vier Autobahnen befahren müssen“, sagt Naylor. Die Zuschauerzahlen brachen ein.

Nach zwei Jahren konnte der Klub zumindest zurück nach Brighton wechseln. Im Withdean, einem kombinierten Fußball- und Leichtathletikstadion, fand der Klub ein neues Zuhause. Allerdings ein wenig beliebtes. Nach einer Umfrage der Tageszeitung Observer unter Fans galt das Withdean 2004 als viertschlechtestes Stadion des gesamten Königreichs. Dennoch erlebte Brighton dort eine der erfolgreicheren Zeiten der Klubgeschichte. Im Sommer 2002 stand der Klub erstmals nach zehn Jahren wieder in der zweithöchsten Liga. Für Naylor waren gerade die ungünstigen Voraussetzungen des Stadions mit ein Grund für die Erfolge: „Die Gästeteams waren vermutlich oft schockiert, wo sie da spielen mussten.“

Choreo der Brighton-Fans

Stadion im Naturschutzgebiet
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Geschäftsmann Dick Knight den ungeliebten Präsidenten Bill Archer bereits abgelöst. Knight trieb die Planungen für ein neues Stadion am Stadtrand voran. Das war jedoch nicht einfach, wie Klubsprecher Paul Camillin erzählt, denn der gewählte Standort Falmer liegt in einer Region, die wegen ihrer landschaftlichen Schönheit unter besonderem Schutz stand. „Diese Einstufung war veraltet“, sagt Camillin. „Nach einem zähen Prozess hat der Klub die nötigen Bewilligungen erhalten.“

Über zehn Jahre dauerte das Bewilligungsverfahren, unterstützt wurden Präsident Knight und seine rechte Hand Martin Perry durch die Fanbasis. Viele Anhänger engagierten sich im Netzwerk „Falmer for All“ für den Stadionneubau. Ihre Geschichten erzählt das Buch „We Want Falmer“, und die dort geschilderte Zusammensetzung der Aktivisten passt perfekt zu Brightons Image als Alternativklub: Punks, Buchhalter und Lehrer sitzen am einem Tisch, um die nächsten Aktionen zu besprechen. Die Funktionäre Knight und Perry sind als Teil der Bewegung dabei.

So unterschiedlich die Aktivisten, so vielfältig ihre Methoden: Vor einer Volksbefragung hängten Fans in der ganzen Stadt Ballone auf, sie verteilten Flyer in der Stadt und schrieben etliche Briefe an einflussreiche Politiker. Dem stellvertretenden Premierminister John Prescott, der eine entscheidende Rolle im Bewilligungsprozess spielte, wurde am Valentinstag 2004 eine überdimensionale Karte geliefert, auf der stand: „Roses are red, Brighton are blue. Our club’s future is all down to you.“

Pokern für Brighton
2011 konnte der Klub schließlich ins Falmer Stadium übersiedeln, 14 Jahre nach dem Auszug aus dem Goldstone Ground hatte Brighton wieder ein Zuhause. Knight hatte dafür jedoch den Präsidentensessel räumen müssen. Er war maßgeblich daran beteiligt, den Umzug zu ermöglichen, für den Stadionbau fehlte ihm jedoch das Geld. Der neue Präsident Tony Bloom, professioneller Pokerspieler und wie Knight langjähriger Fan, investierte 93 Millionen in das Stadion, wollte im Gegenzug aber auch die Kontrolle erhalten.

Waren die Fans in Gillingham und im Withdean noch weitgehend ausgeblieben, verdreifachten sich die Zuschauerzahlen nach dem Umzug auf knapp 20.000. Im Vorjahr lag der Schnitt schon über 25.000, das Stadion wurde mittlerweile auf 30.750 Plätze ausgebaut. „Das dürfte in etwa die richtige Größe sein“, sagt Klubsprecher Camillin. Eine auf Twitter kursierende demografische Analyse bescheinigt Brighton noch mehr Potenzial, nämlich das größte exklusive Einzugsgebiet eines englischen Fußballklubs. Aber Camillin relativiert: „Die Stadt liegt sowohl für Ältere als auch für Jüngere im Trend. Die Älteren bringen ihre Vorliebe für einen anderen Klub schon mit, die Jüngeren kommen eher wegen anderen Vorzügen in die Stadt.“ Die aktuelle Nachfrage sei aber ohnehin zufriedenstellend, immerhin gehört Brighton bei den Saisonkarten schon jetzt zu den erfolgreichsten Klubs des Landes. Und das bei einem Verein, der historisch eher in den unteren Ligen anzutreffen war. So lange wie jetzt, nämlich fünf Jahre, hielt sich der Klub noch nie durchgängig in der zweiten Liga. Camilin sagt: „Vielleicht müssen die Leute erst noch realisieren, dass hier ein guter Klub spielt.“

Brighton Meer


Dieser Text erschien – mit anderen Fotos – im ballesterer #111 und auf der ballesterer-Webseite

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